Liebe Sabine, liebe Anna, liebe Freunde von Chrissy, liebe Trauergäste.
Der heutige Tag ist ein weiterer Abschiedstag von Christa Grandmont. Ein weiterer deshalb, weil es für viele schon eine Reihe von Abschieden von Christa gegeben hat: Letzte Besuche bei ihr, letzte Gespräche mit ihr, ein letzter Händedruck – es gab viele solcher Momente, manche wurden Ihnen als Abschied bewusst und Sie haben sie als solche gestaltet, manche waren Begegnungen ohne dass klar war, dass es die letzte sein wird.
Heute hingegen haben alle, die sich auf den Weg hierher gemacht haben, eine bewusste Entscheidung getroffen. Sie wollen sich hier von Christa (Chrissy) verabschieden. Dafür vielen Dank.
Als Mitarbeiterin des Hospizdienstes TAUWERK habe ich Christa Grandmont im Mai dieses Jahres erstmals getroffen. In den letzten 4 Monaten ihres Lebens durften wir Tauwerkerinnen sie auf ihrem Weg begleiten. Diese kurze, aber sehr intensive Zeit war geprägt von vielen Unsicherheiten, immer wieder neuen Informationen und permanenten Ortswechseln. Ein wirkliches Kennenlernen war unter diesen Bedingungen kaum möglich.
Deshalb bin ich auch nicht sicher, was Christa davon halten würde, dass wir alle hier versammelt sind und dass ich jetzt zu Ihnen spreche.
Im Gespräch mit Dorothea Strauß hat sie gesagt, sie wolle in aller Stille beerdigt werden.
Ich weiß, dass Sabine und alle Freunde von Chrissy diese Aussage ernst genommen haben. Sie haben lange darüber nachgedacht, wie genau Chrissy das „in aller Stille" gemeint haben könnte. Wollte sie tatsächlich, dass niemand ein Wort sagt auf ihrer Beerdigung oder war die Aussage eher der Tatsache geschuldet, dass Chrissy keine zusätzlichen Kosten verursachen wollte? Ganz sicher wollte sie nicht, dass ihre Beisetzung zu einem Event aufgebläht wird. Sie mochte es nicht, wenn zu dick aufgetragen wurde, lieber war ihr, einfach bei den Fakten zu bleiben. Und bei einer Beerdigung, da wird ein Mensch zu Grabe getragen und genau darum soll es gehen.
In diesem Sinne wollen wir heute versuchen, die Stille, von der Chrissy gesprochen hat, mit einem Bild von Chrissy zu füllen, um sie als die zu würdigen, die sie war: „Chrissy pur" – ein Mensch, so wie wir alle Menschen sind.
Das Menschsein hatte für Chrissy eine große Bedeutung. Es war ihr wichtig, selbst als Mensch gesehen zu werden und den anderen als Menschen zu sehen.
Es gibt so vieles, das man zu unserer Unterscheidung heranziehen kann: Frau oder Mann, arm oder reich, gesund oder krank, schwul oder hetero... All diese Fragen fand Chrissy eher lästig. Sie versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was uns eint. Im Menschsein sind wir gleich und im Menschsein haben wir eine tiefe Motivation zur Solidarität untereinander – trotz aller Verschiedenartigkeit.
Ich war überrascht, als ich hinter der manchmal etwas schnodderig daherkommenden Frau in Chrissy einen Menschen kennenlernen durfte, der beinahe philosophisch wurde, wenn es darum ging, das zu beschreiben, was uns alle ausmacht, was es heißt, ein Mensch zu sein.
Ich glaube, Chrissy hat es, solange sie lebte, nie aufgegeben sich dem Abenteuer Menschsein zu stellen, mit allem was dazugehört:
Die Welt entdecken, sich eine eigene Meinung bilden, Misserfolge verkraften, lieben, Enttäuschungen erfahren, miteinander lachen, kämpfen, Abschied nehmen, all das und noch vieles Anderes gehört zum Menschsein und zum Leben an sich.
Chrissy wollte sich dieses Leben in all seiner Buntheit nicht vorenthalten lassen.
Sie hat sich im positiven Sinne „Das Leben genommen", hat das Leben in Gänze und Fülle in sich aufgenommen, allen Unwägbarkeiten zum Trotz.
Gestern hätte Chrissy Geburtstag gefeiert; sie wurde am 11. Oktober 1948 im Ruhrgebiet geboren. Ihre Mutter eine Vertriebene aus dem heutigen Polen, ihr Vater Belgier, der in der deutschen Wehrmacht gekämpft hatte. Dass sie ein Kind von „Fremden" war, wurde durch ihren Familiennamen besonders deutlich. Auch damals schon reagierten die „Alteingesessenen" mit Misstrauen und mehr oder weniger offener Ablehnung auf die Fremden. Chrissy wurde als das „Franzosenmädchen" von anderen gehänselt. Bei den Eltern fand sie wenig Trost, musste im Gegenteil schon sehr früh lernen, dass sie zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen hatte. Von einer unbeschwerten Kindheit in der liebevollen Geborgenheit der Familie konnte keine Rede sein. Schon damals zeigte sich, dass Chrissy mit einer unbändigen Lebenslust ausgestattet war. Andere hätten sich zurückgezogen, um möglichst nicht aufzufallen. Nicht so Chrissy, sie forderte selbstbewusst ihr Recht auf Leben ein, wehrte sich gegen das Unrecht, das ihr wiederfuhr.
An ihrer sogenannten Aufmüpfigkeit konnte auch das katholische Mädcheninternat nichts ändern, in dem sie einige Jahre verbringen musste. Chrissy ließ sich nicht verbiegen, sie folgte dem Ruf des Lebens.
In Hamburg entdeckte sie mit 19 Jahren eine offene, bunte Welt, die mit der stickigen Enge ihrer Kindheit nichts zu tun hatte. Hier verliebte sie sich in einen Seemann, von dem sie kurze Zeit später ein Kind erwartete.
Nachdem ihre Tochter Sabine geboren wurde, lebte Chrissy als alleinerziehende Mutter zunächst wieder bei ihren Eltern. Damals war „alleinerziehend mit Kind" noch ein skandalöser Zustand. Nach 3 Jahren beugte Chrissy sich dem Druck von außen und heiratete den Vater von Sabine, der seinen Beruf aufgab und fortan bei der Eisenbahn arbeitete.
Mit dem Kind und vielleicht auch für das Kind schuf das junge Paar eine Familienidylle mit der klassischen Rollenverteilung. Immerhin 12 Jahre lang fügte sich Chrissy in die Rolle der Hausfrau und Mutter.
Aber wo war die Buntheit und die Freiheit des Lebens und wo war sie, Chrissy?
Die Ehe wurde geschieden und Chrissy ging mit ihrer Tochter Sabine nach Berlin. Jetzt wollte sich Chrissy endlich selbstbestimmt ihr Leben gestalten. Sie holte abends den Schulabschluss nach und machte eine Ausbildung. Als alleinerziehende Mutter war das sicher keine leichte Aufgabe. Aber Chrissy wollte sich ausprobieren, wollte wissen, was in ihr steckt, was zu ihrem Menschsein gehört.
Irgendwann probierte sie auch eine kleine Menge einer Substanz, die leider dann für viele Jahre Chrissys Leben bestimmen sollte. Sucht ist das Gegenteil von Freiheit und Selbstbestimmung. Chrissy konnte nicht mehr für ihre Maus (ihre Tochter) da sein. Schließlich verlor sie sogar gänzlich den Kontakt zu ihr und auch den Kontakt zu ihrem eigenen Menschsein. ...
Aber Chrissy wäre nicht Chrissy gewesen, wenn ihre Lust auf dieses Leben sich nicht doch an die Oberfläche gekämpft hätte, obwohl sie in einem tiefen Sumpf steckte.
Und so wie auf manchem Sumpf die prächtigsten Orchideen gedeihen, so entfaltete sich nach dem Entzug Chrissys Persönlichkeit zu großer Stärke und Ausdruckskraft.
Da war zunächst die Freundschaft. Chrissy knüpfte ein Netz aus wunderbaren, verlässlichen Freunden und nun war es ihr besonders wichtig, diese Freundschaften auch zu pflegen, um das Netz in seiner Stabilität zu stärken. [In der Zeit, als wir Chrissy begleiteten, durfte ich miterleben, wie ihr Freundeskreis für sie da war, und ich kann sagen, dass so mancher sich solche Freunde an seiner Seite wünschen würde.]
Die Musik spielte jetzt auch wieder eine größere Rolle. [Leider hatte ich nie Gelegenheit, Chrissy singen zu hören.] Mir wurde aber gesagt, dass sie gerne sang. Als Teil des Berliner Straßenchors genoss es Chrissy, diese Freude mit anderen zu teilen und ihre Gefühle auf künstlerische Art ausdrücken zu können. Der Chor ist heute auch hier und wird sich – wie sollte es anders sein – mit Gesang von Chrissy verabschieden.
Ein wesentlicher Teil ihrer Persönlichkeit war ihre kämpferische Seite. Chrissy engagierte sich in Selbsthilfegruppen, war bei der Berliner Aidshilfe aktiv, sprach von ihren Erfahrungen, damit andere davon lernen konnten. Chrissy setzte sich dafür ein, dass jeder - egal woher er kommt, egal was er glaubt oder nicht glaubt, egal was er ist oder nicht ist -, dass jeder seinen Platz haben darf und dass niemand ihm das Recht auf sein Menschsein streitig machen darf. In ihrer kämpferischen Art nahm sie kein Blatt vor den Mund. Sie sagte, was sie dachte und es war ihr egal, ob sie damit aneckte oder nicht. Viele der Anwesenden werden sich daran erinnern, wie streitbar Chrissy sein konnte.
Und schließlich entfaltete sich auch der zerbrechlichste Teil ihrer Persönlichkeit wieder: Die Liebe zu ihrer Familie.
Dass es gelang, den Kontakt zu ihrer Tochter Sabine wiederherzustellen, die sich inzwischen zu einer jungen Frau entwickelt hatte, die fest im Leben steht und selbst Mutter einer Tochter ist, versetzte Chrissy noch immer ein wenig in Erstaunen. Beide Frauen hatten den festen Willen, die jeweils andere so zu akzeptieren, wie sie ist. So gelang ihnen ein zunächst zaghafter, aber von beiden Seiten gewollter Neuanfang.
Neugierig und ohne Vorbehalte konnte sich Anna, die Tochter von Sabine, Chrissy nähern.
Chrissy erzählte mir mit großem Stolz von Anna, davon, wie selbständig sie schon ist und dass man sich richtig gut mit ihr über so vieles unterhalten kann.
Für Chrissy grenzte es ein wenig an ein Wunder, wie sich das Leben seinen Weg sucht. Dass sie jetzt dort angekommen war, wo sie war, dass sie Teil eines Beziehungsgefüges war, dass sie sich selbst ausgesucht hatte und jetzt... sogar Großmutter!
Leider blieb Chrissy nicht viel Zeit, um sich in die Rolle der Großmutter einzufinden, denn nur wenige Monate, nachdem sie ihre Enkeltochter kennen gelernt hatte, wurde bei ihr eine Tumorerkrankung festgestellt.
Chrissy war klar, dass die ihr verbleibende Zeit sehr begrenzt sein wird und sie versuchte, sie möglichst sinnvoll zu nutzen. Bei aller Hoffnung, wenigstens noch ein paar Monate mehr Zeit zu haben, stimmte sie nur solchen Therapieansätzen zu, die sie in ihrem Lebensvollzug nicht zu sehr einschränkten. So war es für sie keine Option, mit dem Rauchen aufzuhören. Aber von der Tumoroperation versprach sie sich die Verlängerung ihres Lebens bei akzeptabler Lebensqualität. Mit den darauf folgenden Komplikationen hatte sie nicht gerechnet.
Chrissy hatte verfügt, dass sie nicht künstlich am Leben gehalten wird, sollte keine Hoffnung auf ein selbständiges Leben mehr bestehen. Am 3. September 2015 entschieden Sabine und die Freunde von Chrissy, ihren Wunsch zu respektieren und sie ohne weitere Verlängerung durch Gerätemedizin sondern einfach als Chrissy gehen zu lassen.
Heute nun wird sie beerdigt – Chrissy ein einzelner, unvollkommener und gleichzeitig großartiger Teil dieses Wunders des Lebens.
Der Berliner Straßenchor wird nun den Nena-Titel „Wunder geschehen" singen, bevor wir die Urne zum Grab begleiten.
                                         Katharina Wönne von Tauwerk