most












*
26.07.1971
+
06.04.2016





Lege deinen lieblichen und erschöpften Kopf nieder,
die Nacht bricht herein.
Du bist am Ende deiner Reise angekommen,
Schlafe jetzt und träume von denen die vor uns kamen
Sie rufen von fernen Ufern.
Warum weinst?
Was haben diese Tränen auf deinem Gesicht zu bedeuten?
Schon bald wirst du erkennen, dass all deine Ängste verfliegen werden
Sicher in meinen Armen wirst du einfach nur schlafen
Was kannst du am Horizont sehen?
Warum rufen die weißen Möwen?
Jenseits des Meeres geht ein blasser Mond auf
Die Schiffe sind gekommen, um dich nach Hause zu bringen.
Und alles wird sich in silbernes Glas verwandeln,
im Licht auf dem Wasser, dass alle Seelen passieren.
Ein einfühlsames Lied über den Tod. 

„Into the West" (aus Herr der Ringe)
Von Annie Lennox

Ich stehe nun hier vor Euch um Ingo's letzten Wunsch zu erfüllen.
9 Wochen ist es her, dass Ingo im Kreise meiner kleinen Familie sich etwas erholen und Kraft tanken wollte.
Die Hoffnung auf baldige Besserung gab er zu keiner Zeit auf. Für ihn gab es noch so vieles, was er tun und erleben wollte.
Er blieb 2 Wochen und kehrte dann nach Berlin zurück.
Täglich rief er ein bis zwei Mal an, nur um uns mitzuteilen – „Es ist alles gut- vieles geht schon besser- macht euch keine Sorgen- Alles ist gut.“
Am 04.April blieb es am anderen Ende des Telefons still. Nur ganz leise ahnten wir, dass diese Stille für immer sein könnte.
Am 06.April wurde aus der leisen Ahnung, Gewissheit.
Nach langer schweren Krankheit, schloss Ingo für immer seine Augen, sein gutes Herz hörte für immer auf zu schlagen.
Wir haben uns heute, an diesen Ort versammelt um vom Sohn, Bruder, Cousin, Neffen, Onkel, Schwager und Freund
Ingo
Abschied zu nehmen.

Ingo wurde am 26. Juli 1971 in Sangerhausen geboren und wuchs mit seinen Geschwistern Sandra, Marko und Keith in Sangerhausen und Hohlstedt auf.
Er besuchte Kinderkrippe und Kindergarten und bekam, wie jedes Kind, zur Einschulung 1978 eine große Zuckertüte.
Die Polytechnische Oberschule besuchte er 10 Jahre und hängte noch zwei weitere Schuljahre hinten an, sodass er 1990 sein ABI in den Händen hielt.
Von 1990 bis 1993 ließ er sich im Hotel und Restaurant „Deutsches Haus- Horst Elbe“ zum Hotelfachmann ausbilden und war im selbigen von 1995 bis 1996 tätig.
Auf eigenen Wunsch und zum Bedauern des damaligen Arbeitgebers, verließ er das Hotel und kehrte auch der Stadt Alfeld den Rücken, um sich in Berlin, das er so liebte, nieder zu lassen.
Leicht war es für ihn nicht in Berlin Fuß zu fassen. Mittlerweile war bei Ingo auch AIDS ausgebrochen und nur Gelegenheitsjobs bis zur Erwerbsunfähigkeitsrente möglich.
Er kämpfte, bis in den Tod hielt er Berlin die Treue, denn nur hier konnte er sich leben und frei sein, er musste sein Schwul-Sein niemals verstecken. Hier war er Ganz und Heil.

Zu kurz war sein Leben- zu kurz sein Lebenslauf- Ich hätte gern noch viel mehr hinzugefügt.
Als meine Tochter und ich nach Berlin gefahren sind, um Ingo´s Bestattung zu regeln, war es uns ein Bedürfnis die Freunde zu treffen, die Ingo umgaben- sie waren sein Leben.
In den Gesprächen mit ihnen stellten wir verwundert fest, dass Jeder etwas – doch nicht alles wusste, was uns zunächst alle erstaunen ließ.
Wie knüpfen wir an, an ein früheres Leben, wenn wir tief im Herzen zu verstehen beginnen, dass wir nicht mehr zurückkönnen.

Das Lied was nun gespielt wird, ist für uns alle und für jeden einzelnen von Euch!
„In meinem Leben- gesungen von Nena“


Ich hoffe, Ihr versteht mein Leben jetzt ein klein wenig besser.
Dieses Lied ist ein Dankeschön an meine Geschwister Sandra, Marko und Keith – sie gaben mir familiären Halt, an Frank Most, an meine Nichte Anika – die mich überall hinfuhr, an meinen Schwager Jens, an seine Eltern Gerlinde und Erwin – die mich mit Wunschessen bei Besuchen versorgten. An Tante Monika, an meine Cousinen Ivonne mit Pauline und Andrea, an meine besten und dicksten Freundinnen und Klassenkameradinnen Daniela Nielsen und Diana Dienstbier.
Einen ganz lieben Dank an Gerald Ofcarek, ich umarme dich mein Freund, Geliebter und Gefährte – Es war schön dich zu kennen und einen Platz in deinem Leben einnehmen zu können. Du warst da – in meiner größten Not und hast nicht gezögert zu helfen.
Danke mein Freund
Eine ganz dicke Umarmung für dich, liebe Tina, meine ganz persönliche Taxifahrerin zum Einkaufsbummel. Danke für deine mütterliche Fürsorge, für all deine Hilfe, die du mir zukommen ließest.
Danke schön an Betty, Sille und Konstanze Zakrotnik.
Ein ganz besonderer Dank und eine dicke Umarmung an Yvonne Burda und ihren Praxisteam- die Hilfe die mir hier zuteilwurde, bezog sich nicht nur auf Zahnweh – sie halfen meinen Freund Gerald als er sie am dringendsten brauchte. Danke.
Nicht zu vergessen sind meine beiden kleinen Schutzengel Donna und Daniela, die mich nicht nur einmal vor törichten Handlungen bewahrt haben. Danke für eure schützenden Hände.
Die Ausflüge nach Frankfurt und Köln werde ich vermissen.
Danke an Barbara Göppl und dem Team der Gastronomie für die vielen Lunchpakete, mit Gurken- und Tomatensalat und anderen leckeren Sachen. Für ihre Hilfe und ihr Engagement zu dem heutigen Anlass – einen großen Dank.
Großen Dank auch an alle Leute, des Berliner Ruderclub e.V. Wannsee – für die große Zuwendung, die mir zuteilwurde – es ist schön einen Platz in eurer Mitte zu haben.
Danke an die Leute vom Pussycat, die AIDS-Stiftung, an die Praxis von Dr. Baumgarten, an die Station 12c der Auguste-Victoria-Klinik, an den Verein DenkmalpositHIV und alle die mich kennen und die ich nicht namentlich erwähnen konnte.
Nochmals vielen Dank für eure liebevolle Wegbegleitung
EUER INGO, EURE INGE, EURE INGESCHATZMAUSI

Die Hoffnung verblasst in der Welt der Nacht
Durch Schatten entfällt sie der Erinnerung und der Zeit
Sag nicht, dass wir am Ende angekommen sind.
Weise Ufer rufen.
Du und ich werden uns wiedersehen.

Bevor wir mit Ingo seinen letzten Weg gehen, lauschen wir noch sein Lieblingslied.
„Together we are strong – von Mireille Mathieu und Patrick Duffy“

Lasst uns nun gehen, um Ingo´s Asche in die Erde, der Stadt Berlin – die er so liebte – einzubetten.

Berlin, der 06.05.2016 14Uhr
Alter St. Matthäus Kirchhof Berlin
Geschrieben von seiner Schwester Sandra Krüger