Gerhard Brinkner

umarmende3

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10.01.1959
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10.09.2008

 

Trauerrede für Gerd Brinker am 10.10.2008

Liebe Trauergemeinde,
mein Name ist Katharina Wönne. Ich bin Mitarbeiterin im Hospizdienst TAUWERK und habe in dieser Funktion vor 3 ½ Jahren Gerhard Brinker kennen gelernt. Wir haben eben einen Titel aus dem Film Imitation of life gehört, einem der Lieblingsfilme von Gerd. Im letzten Satz singt Mahalia Jackson :
„I am going home to live with God."
(Ich gehe nach Hause, um mit Gott zu leben.)

Am 10 September ist Gerhard Brinker im Auguste-Viktoria-Klinikum gestorben. Er ist nach Hause gegangen – zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt. Maria und Dirk, die die Musik für diese Trauerfeier ausgewählt haben, hätten kaum eine passendere Wahl treffen können: Im vorletzten Satz des Liedes heißt es ein bisschen flapsig:
„How soon we will be done with the trouble of the world"
(Wie bald werden wir fertig sein mit dem Stress/der Ärger der Welt).
Genau das kenne ich von Gerd sehr gut: eine sehr feinsinnige Emotionalität, ein tiefgründiges Nachdenken über die Zusammenhänge unseres Lebens und das gleichzeitige Bestreben, alles Schwere durch Humor leichter tragbar zu machen. Gerd hat von den Tiefschlägen des Lebens mit einem Augenzwinkern erzählt, hat Emotionen immer nur für eine gewisse Zeit zugelassen, um sie dann gleich wieder zu relativieren. Wenn seine Art von Humor für mich auch manchmal schwere Kost war, ich werde deine Fähigkeit zur Selbstironie immer in bewundernder Erinnerung behalten. Sie alle sind unterschiedlich lange Abschnitte seines Lebens mit Gerd gemeinsam gegangen.
Und Sie sind heute mit den Ihnen ganz eigenen Erinnerungen an ihn hier, um sich von ihm zu verabschieden. Ich möchte Sie jetzt einladen, an Gerds Urne zu treten und mit dem Entzünden Ihres Teelichtes symbolisch Ihre Erinnerung aufleuchten zu lassen.

Zur Person

Jedes der Lichter, die hier brennen, ist Zeichen einer ganz besonderen Verbindung zu Gerd, die nicht dadurch unterbrochen wurde, dass Gerd nicht mehr lebet. Unsere Erinnerungen, unsere Verbindungen zu ihm werden auch dann noch bestehen, wenn diese Kerzen schon lange erloschen sind. Einige von Ihnen haben Erinnerungen an die früheste Kindheit von Gerd.
Er wurde am 10.01.1959 als 4. Kind der Familie Brinker geboren.
Er war der erste Sohn in der Folge von insgesamt 7 Kindern. Das hiess für ihn, dass ihm von klein auf – der Tradition entsprechend – das Recht und auch die Verantwortung des Hoferben zugeschrieben wurde. Seiner Entwicklung wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt, denn schliesslich sollte er ja all das, was die gesamte Familie durch harte Arbeit und viel Disziplin geschaffen hatte, einmal übernehmen. Die ländliche Idylle, die wir Städter heute bei unseren Bauernhofurlauben so geniessen, ist wahrscheinlich auch heute noch nur eine Momentaufnahme, die wir bewusst erleben können, weil wir unseren eigenen Alltag unterbrochen haben. Für die Bauern selbst ist ihr Alltag eben harte Arbeit. Um wie viel härter war das bäuerliche Leben in Gerds Kindheit? Alle mussten mit anpacken, um die Flut der Aufgaben zu bewältigen. In einer solchen Situation sind die Normen und Verhaltensregeln natürlich sehr leistungsorientiert. Was zählt ist die Leistung jedes Einzelnen, um die Existenz zu sichern. Autoritäten dürfen nicht in Frage gestellt werden, für Individualität und Andersartigkeit ist kaum Platz. Das ist, als sei man auf einer langen, sehr schmalen Brücke unterwegs, deren Fahrspuren schon sehr ausgefahren sind. Ist man zu langsam, wird man von hinten angestossen, ist man zu schnell, bedrängt man den Vorausfahrenden, will man die ausgefahrene Spur verlassen, braucht es dazu einen enormen Kraftaufwand und gerät man zu weit neben die Spur, dann stösst man mit dem Gegenverkehr zusammen oder stürzt in die Tiefe des Abgrundes.

Ich glaube, Gerd hat sich als Kind oft geweigert sich dem Tempo der anderen anzupassen, hat sein eigenes Tempo und seine eigene Fahrspur gesucht. Vermutlich ist er manchmal auf das Brückengeländer geklettert, hat die anderen an sich vorbeiziehen lassen und hat auf die unbekannten Tiefen geschaut, die mit all ihren Geheimnissen unterhalb der Brücke existierten. Gewiss hat er nicht gerade Anerkennung geerntet, wenn er anschliessend versuchte, sich wieder einzuordnen. Gerd konnte sich mit der ihm zugedachten Rolle nicht identifizieren. Seine einzige Freude an der Landwirtschaft bestand darin, in seiner eigenen Buchführung die Milchmenge, die jede einzelne Kuh gab, zu erfassen. Da Gerds Eltern wohl auch erkannten, dass seine Begeisterung für Tabellen und Ordnungssysteme ihn nicht unbedingt zu einem guten Bauern qualifizierte, liessen sie ihn die Handelsschule besuchen. Er wurde Industrie- und Aussenhandelskaufmann, was ihn gleichzeitig aus der Rolle des Hoferben entliess. Es wurde akzeptiert, dass er die ausgefahrene Spur verliess. Aber der Weg neben der Spur ist beschwerlich und deshalb hat Gerd sich mit Anfang 20 entschlossen, die enge Brücke ganz zu verlassen. Er ist voller Angst, aber auch mit einem Gefühl von Befreiung und Abenteuer über das Geländer gesprungen.

Gerd hat in Bielefeld ein ganz neues Leben begonnen, hat sich ausprobiert in jeder Hinsicht, hier hatte er sein Coming-Out, hat neue Wohn- und Lebensformen entdeckt, hat das Abitur nachgeholt, war politisch aktiv. Er ist ganz und gar eingetaucht in jene unbekannte Dimension, auf die er so oft vom Geländer aus geschaut hatte. Es war eine Zeit grosser Lebensintensität. Es war wohl seiner Jugend geschuldet, dass er in diesem Zusammenhang auch rücksichtslos mit seiner eigenen Gesundheit umging. Er selbst erzählte mir davon mit der gewissen Portion von Ironie und Selbstkritik, die ich bei ihm so zu schätzen gelernt habe. Von einer ähnlich exzessiven Art zu leben die bis zur Schädigung der eigenen Gesundheit reicht, erzählt der Johnny-Cash-Titel „Hurt":
„I would keep myself, I would find a way" –
sich selbst treu bleiben, den eigenen Weg zu finden, dieser Wunsch hatte in Gerds Leben eine ganz zentrale Bedeutung. Johnny Cash hat ihm wohl aus dem Herzen gesungen. Gerd konnte über die Musik sehr viel ausdrücken. Oftmals, wenn wir uns über ein bestimmtes Thema unterhielten, fragte er mich, ob ich diesen oder jenen Titel kenne. In der Regel kannte ich ihn nicht, aber das war ja kein Problem, denn Gerd hatte für seine gigantische LP- und CD-Sammlung ein eindrucksvolles Ordnungssystem, das es ihm ermöglichte, in kürzester Zeit den besagten Titel zu finden und mir vorzuspielen. Und oftmals konnte ich im Hören der Musik einen Sachverhalt besser erfassen als durch tausend Erklärungen. Diese besondere Begabung, Musik in solcher Weise einzusetzen, kam ihm in seiner Tätigkeit als DJ ganz gewiss sehr zugute.

In den Gesprächen mit Gerd erfuhr ich auch von einer wunderbaren Erfahrung, die er noch in Bielfelder Zeit machen konnte. Er entdeckte nämlich nach seinem Sprung ins Ungewisse, dass Beziehungen zu Menschen nicht nur einengen und fesseln können, sondern, dass die zarten zwischenmenschlichen Bande auch wie eine Art Bungee-Seil sein können, das dehnbar ist, bei Belastung nicht reisst und den Fall abbremst, bevor er in der Tiefe aufschlägt. Dass der diese Entdeckung machen surfte, hat Gerd als ein grosses Geschenk erlebt. Es war für ihn überaus tröstlich, dass ein Teil seiner Beziehungen – der familiären, der freundschaftlichen und auch der partnerschaftlichen – genau diese Eigenschaften hatten. Vielleicht sind auch deshalb aus einigen Partnerschaften Freundschaften geworden, weil Freundschaftsbande dehnbarer sind. Wenn ein einzelner Strang des Seils, von dem ein Bungee-Springer gehalten wird, nicht so elastisch ist wie die anderen, dann reisst er. Auch diese Erfahrung musste Gerd machen, aber insgesamt konnte er sich immer auf sein Halteseil verlassen, ganz besonders in den letzten Jahren, in denen er durch seine Erkrankung immer stärkere Einschränkungen seiner Lebensqualität hinnehmen musste. Gerd war dankbar für dieses Getragen-Sein. Ein Teil seiner Freundschaften aus Bielefeld blieben bis heute bestehen, obwohl er 1989 nach Berlin umzog. Der Kontakt zu seiner Familie Gerd bis zu seinem Tod sehr wichtig. Allerdings kam es mir so vor, als ob er immer wieder darüber staunte, dass das Seil, an dem er hing, nicht zerriss und dass er gleichzeitig immer in der Erwartung lebte, dass es doch noch passieren würde. Er war sich sehr bewusst, dass Beziehungen gepflegt werden müssen und hatte immer Sorge, dass seine Pflege nicht ausreichen könnte.

Gerd, die Gespräche, die ich in Vorbereitung meiner Rede mit einem Teil Deiner Vertrauten geführt habe und der Blick auf die hier Versammelten zeigen mir deutlich, dass Deine Sorge unbegründet war. Ich kann Dir versichern (und ich persönlich habe die Überzeugung, dass es einen Ort gibt, an dem Du mich jetzt hören kannst) ich kann Dir versichern, dass Du ein starkes Seil von haltbaren Beziehungen geknüpft hast, das auch jetzt noch hält, wo Du für uns alle nicht mehr sichtbar bist.

Abschied

Gerd, ich habe viel von Dir gelernt, besonders über historische Zusammenhänge hast Du mich oft belehrt (im guten Sinne des Wortes). Ich habe auch oft mit Dir gestritten, aber über ein Thema konnten und wollten wir nicht streiten: über unsere Spiritualität. Wir haben beide akzeptiert, dass wir eben verschiedene Glaubenseinstellungen hatten. Beweise für die Richtigkeit hatten wir beide nicht. Deshalb erscheint es mir auch sehr richtig, dass der letzte Song, den wir hören, überschrieben ist mit dem Titel: Destination anywhere (Bestimmungsort irgendwo). Wohin auch immer Dein Weg Dich jetzt geführt hat, Du wirst in meiner Erinnerung bleiben. Danke, dass ich Dich kennen lernen durfte.