Johann Zukrowsky “Natascha”

umarmende3

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21.03.1956
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29.09.2004

 

Niemals geht man so ganz...Natascha war anders als die Anderen. Und er hat es gezeigt. Er ging im Fummel ins Konzert und wollte im Kleid aufgebahrt werden.
Er war ein stolzer Schwuler!! Er hatte so viele Seiten. Er konnte so zärtlich sein und lieben, er hatte ein großes Herz, wenn er jemanden mochte, dann öffnete er sich und schüttete seine Liebe aus, manchmal verschämt, manchmal ganz offen und stolz.Natascha hatte Eigensinn, was er sich in den Kopf gesetzt hatte, das zog er durch. Zuletzt die vier Wochen in Albstedt: obwohl es fast über seine Kräfte ging, machte er jede Woche seinen Kaffeeklatsch. Daran hing sein Herz. Das kam von ihm, das war etwas authentisches von Natascha, wovon er hoffte, dass die Menschen sich daran erinnern würden. Und die Leute kamen, tranken Kaffee und aßen den Kuchen, den er mit viel Liebe und Mühe gebacken hatte und alle waren fröhlich und schnatterten, wie man es eben tat bei einem Nataschakaffeeklatsch. Und inmitten der Runde saß Natascha im Fummel und strahlte eine innere Freude aus und eine Genugtuung. Es war sein Nachmittag und die Sonne strahlte mit uns allen. Blaubeerkuchen gab es. Albrecht hatte die Beeren gepflückt. Das war wichtig. Nataschazeit!Ja, Natascha hatte Eigensinn und aus seinem Eigensinn entstand viel Gutes, viel Engagement. Sein ganzes Tun kam aus diesem Bereich, seine ehrenamtlichen Tätigkeiten und seine kreativen Schaffensaugenblicke. Natürlich lag da auch seine Zickigkeit. Denn Natascha konnte auch zickig sein, manchmal richtig böse, wenn sich jemand ihm in den Weg stellte und ihn daran behindern sollte, das zu tun, was er sich in den Kopf gesetzt hatte.Natascha war von einer rührenden Fürsorglichkeit. Wen er liebte, der sollte nicht leiden. Er tat alles, um solch ein Leiden zu mildern. Er kümmerte sich!!! Er sorgte sich!!! Wenn jemand krank war, den überschüttete er mit seinen Aufmerksamkeiten. Natascha liebte die Leidenden, nicht im erotischen Sinn, sondern im umfassenden Sinn. Er tat, was in seiner Macht stand, um zu helfen. Natascha war ein Helfender!!!Besonders hatten es ihm die angetan, die wie er selbst, HIV-infiziert oder Aidskrank waren. Das waren seine Genossen im Leiden. Die schloss er in sein Herz.Natascha liebte die Freiheit. Ja, sein Eigensinn ist letztlich aus diesem Drang nach Freiheit zu verstehen. Natascha war DER emanzipierte Schwule schlechthin. Er litt darunter, wenn manche Schwule sich ihrer Freiheit nicht bewusst waren. In diesem Bereich war Natascha auch ein sehr politischer Mensch. Es war ihm bewusst, dass die Schwulen von den Nazis verfolgt und in die Konzentrationslager gesteckt. wurden. Er hasste die Diskriminierung der AIDS-Kranken.Natascha war seit über 15 Jahren HIV-posithiv und seit einigen Jahren an AIDS erkrankt. Das hat sein Leben mehr als alles andere geprägt. Das hat seine Gefühle bestimmt und seine Gedanken. Aus dieser Krankheit heraus entdeckte er die Freiheit und wurde ein Kämpfer. Wäre er sonst so lange am Leben geblieben? Ich glaube nicht. Er hatte eine innere Kraft und ein ureigenes Gespür, um dem Gevatter Tod möglichst oft von der Schippe zu springen. Obwohl, Natascha hatte keine Angst vor dem Tod. Vor dem Sterben ja, aber nicht vor dem Tod. Er hatte viele Leidensgenossen gehen sehen. Der Kampf ist nun vorbei und das Leiden ist auch vorbei. Natascha ist tot. Wir nehmen Abschied. Es bleibt unsere Liebe und unsere Freundschaft. Denn Natascha: Niemals geht man so ganz, etwas von uns bleibt hier!!
Albert
Gedanken zu Natascha
Natascha hatte immer Verbindungen zu Küchen. In einem Tagungshaus bei Hamburg war er „Küchenchefin" für schwule Gruppen. Im Sommercamp Albstedt kümmerte er sich täglich um das Frühstück.
Er liebte es, kreativ zu sein. Die z.T. sehr ungewöhnlichen Zusammenstellungen waren nicht jedermanns Sache. Es gehörte auch nicht zu seinen Stärken, benutzte Teile zurückzustellen oder effektiv zu putzen.
Wenn er jemand mochte, gab es essbare Sonderzuwendungen – manchmal legte er sie unter das Kopfkissen. (Welche Überraschung, wenn man die Liebesgabe am nächsten Morgen zerdrückt im Bett
fand.)
Er machte gern kleine Geschenke oder schrieb Briefe, deren Rückantwort er sorgfältig aufbewahrte.
Natascha liebte Musik – speziell die russische. Er ist kein Zufall, dass er sich selbst „Natascha, die Großfürstin aus dem russischen Reich" nannte. Mal war er melancholisch bis depressiv dann wieder begeisterungsfähig und ausgelassen. Er liebte die Bühne. In Albstedt ließ er keine Gelegenheit aus, sich in weite Gewänder und Pelze zu hüllen und zu Ivan Rebroffs Stimme „Natascha" und anderen Liedern die Lippen zu bewegen. Im tiefsten Inneren war er sehr schüchtern und leicht verletzlich. Es fiel ihm schwer, zwischen anderen „Diven" seinen Platz zu behaupten. Manchmal zog er sich aus den Proben resigniert zurück und brauchte Ermutigung, nicht aufzugeben.
Neben der russischen Folklore liebte er Opern in deutscher Sprache. Seine erklärten Lieblingssänger waren neben Ivan Rebroff, der Bariton Hermann Prey und die Mezzosopranistin Brigtte Fassbaender.
In Albstedt hat Natascha oft an die an AIDS verstorbenen Männer erinnert. Ihm war es wichtig, dort nicht vergessen zu werden.
Natascha wollte nach einigen Jahren Pause noch ein letztes Mal nach Albstedt, um sich von seinen Freunden und Bekannten gezielt zu verabschieden. Er wusste, dass es das letzte Mal ist. Es war ihm anzusehen, wie sehr er die vier Wochen genoss. Mit Freunden sprach er über den bevorstehenden Tod und dass er ihm keine Angst mache. Er sprach über seine Schmerzen und ertrug sie mit Fassung.
W.R.