lothartodt

 

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04.11.1962
+
11.05.2013

 

Ansprache in der Trauerfeier
Pastor Detlev Gause

Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen
und verlass dich nicht auf deinen Verstand;
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen.

Diesen Vers aus den Sprüchen Salomos (3,5und 6)
hat Lothar in einem von Ihm verfassten Statement
als ein Wort bezeichnet, nach dem er sich ausrichtete.
Im Gottesdienst „Kein Grund zur Anstellung“ ging es
um das Arbeitsleben und Lothar brachte sich ein,
sich und seine Situation als frisch verrenteter Lehrer.

Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen
und verlass dich nicht auf deinen Verstand;
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen. 

Wenn es ihm gut ging, hat Lothar etwas ausgestrahlt
von dieser Glaubensgewissheit. Er war zugewandt.
Er konnte andere motivieren und für Dinge begeistern,
manch Schüler oder Schülerin sogar für Mathematik.

Lothar war uns allen ein freundlicher Zeitgenosse.
Er hat sich nicht gescheut, Aufgaben zu übernehmen, vor denen andere wohl eher zurückschreckten.
Er war präsent, er war äußerst zuverlässig.
Er war einer, den man gern um sich haben mochte.

Wenn es ihm nicht so gut ging, sah es anders aus.
Er war im Innern verzweifelt und manchmal allein;
Er wusste dann nicht, wohin er eigentlich gehörte.
Er wünschte sich alles andere als das, was war.
Nur nach außen hat Lothar davon wenig gezeigt.
Er zog sich dann lieber zurück. Er litt darunter;
aber er fand nicht den Schlüssel, dies aufzubrechen.
Sich anzuvertrauen, wirklich jemanden alles zu sagen, was ihn innerlich bewegte, das war seine Sache nicht.

In den guten Stunden baute er an seinem Umfeld,
er machte sich zu einem verlässlichen Gegenüber,
am Arbeitsplatz, unter Freunden, auch zur Familie.
Er zeigte den anderen immer wieder,
dass sie ihm wichtig und nicht gelichgültig sind.
Glückwünsche zum Geburtstag, immer mal ein Hallo;
Lothar schrieb sich ein bei Menschen, die er mochte,
ja, sogar immer auch wieder bei den anderen,
mit denen es ihm eher schwer war.

Und deshalb auch war es nahezu unmöglich,
von außen zu sehen, was ihn wirklich bewegte,
was Lothar im Inneren dachte, was ihn quälte.
In dem besagten Statement im Gottesdienst
von 2010 hat er davon etwas erkennen lassen;
er benannte die Fragen, an denen er festhing:

Wofür soll ich arbeiten? Wofür soll ich lieben?
Wofür soll ich leben? Arbeiten um zu leben?
Wohl besser: arbeiten um zu überleben!
NEIN! Das kann es nicht sein! Wirklich nicht!
Das Leben hat somit keinen Sinn mehr.

Dies alles sagte er im Rückblick auf die Zeit,
die gerade hinter ihm lag; er nahm eine Auszeit,
war in der Psychiatrie gewesen und fing neu an,
sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.
Einer seiner Therapeuten sprach davon,
dass Lothar mit seiner bisherigen Art zu leben,
so etwas wie einen Selbstmord auf Raten beging.

Jetzt wollte er einen Neuanfang machen.
Lange aufgeschobene Klärungen ging er an;
in der Familie, in der Ausrichtung dessen,
was für ihn selbst wirklich gut ist, ihn trägt
und nicht immer mehr unter Druck setzt.

Die größte Falle seines Lebens,
sich Anerkennung zu verschaffen,
in dem er es anderen recht machte,
für sie da war, egal wie es ihm selber ging,
immer mehr zu einem Gebenden zu werden,
ohne darauf zu achten, was er selbst bekam;
da wollte er einen Riegel vorschieben.
Das sollte zukünftig anders werden.
In diesen Strudel wollte er nicht wieder geraten.

Beispielhaft war ihm dafür die Betriebsratsarbeit.
Wer hatte ihn da alles in Anspruch genommen
und Lothar hatte geholfen und Rat gewusst.
Diese Aufgabe wollte er nicht mehr übernehmen.

Und bei all dem leitete ihn ein Glauben,
den er nicht demonstrativ vor sich her trug,
der ihm aber im Inneren Halt zu geben versprach;
deshalb  galt dieser Vers für ihn:
Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand;
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen.  
Dass Lothar nun aus heiterem Himmel gestorben ist,
ist doppelt nicht zu begreifen.
Hatte er selbst doch ziemlich klar erkannt,
was für ihn gut und richtig war und was falsch.
Hatte er nicht großes Glück mit der neuen Schule,
an der er jetzt tätig war!
(Auch wenn das viele Fahren Kraft kostete!)

Hatte er nicht im Griff, was seine Vorhaben waren!
Er war voller Pläne. Schritt für Schritt bewegte er,
wo Klärung, Umorganisation, Neugestaltung anstand.
Mag sein, dass er die körperlichen Signale nicht sah;
er war mehrfach krankgeschrieben.
Aber er wollte jetzt leben, sich aufbauen,
wo er zu Hause sein konnte.
Dazu gehörte auch sein Engagement als Janitor, Freund und Schatzmeister des Fördervereins
Rogate-Kloster St. Michael zu Berlin.

Und wir müssen uns auch die Frage stellen:
Hat Gott denn seine Zusage nicht eingelöst?
Wenn er doch der ist, der uns recht führt,
wie konnte Lothar jetzt sterben, wo nicht alles gelöst,
aber doch vieles zum Guten stand?

Wir hätten ihn gern noch bei uns gehabt.
Die Schule hat große Stücke auf ihn gehalten.
Die Gemeinschaft, die er sich gesucht hat, war seine.

Sein langjähriger Freund Martin ist ratlos und traurig.
Seine Schwester mit den Kindern hat ihn gebraucht.
Eltern können nicht verschmerzen,
wenn ein Kind vor ihnen geht.
Das alles ist für uns unbegreiflich.
Und wir empfinden als ungerecht, dass Lothar tot ist.
Vor allem ihm hätten wir gewünscht, dass er
ein wirklich glückliches Leben hätte haben können.

Was ist passiert, dass dieses Leben abgebrochen ist?
Wahrscheinlich gibt es keine schlüssige Antwort.
Selbst wenn wir Detail um Detail aneinandersetzen,
wenn wir die eine oder andere Erklärung suchen,
im Letzten fehlt uns das große Verständnis.

Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen
und verlass dich nicht auf deinen Verstand;
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen.

Dieser Vers, den wir am liebsten in Frage stellen,
wenn wir auf das blicken, was Lothar geschehen ist,
dieser Vers will auch uns binden, und Trost geben:
Nicht der Verstand ist die letzte Größe, zu verstehen; es ist dem Herzen überlassen, Führung zu erhalten.
Gott mehr zu überlassen, als wir selbst vermögen,
darin liegt hier das Geheimnis des Glaubens,
dem uns unendlich schwer fallen mag, zuzustimmen,
gerade weil uns Lothar so lieb und wichtig war.

Nicht auf unseren Verstand allein bauen,
sondern in allen Wegen Gott gedenken,
das heißt, sich seiner Führung wirklich zu überlassen
und nicht doch selbst Hand anlegen zu wollen,
zu korrigieren, was Gott mit uns vor hat,
das ist mit das Schwerste, was uns aufgetragen ist,
wenn wir es ernst nehmen mit unserem Glauben.
Vielleicht hat Lothar diesen Vers Salomos gebraucht,
um sich selbst immer wieder daran zu erinnern,
vielleicht ist es ihm im Letzten nicht gelungen,
diesem hohen Glaubensanspruch gerecht zu werden,
wirklich Gott zu vertrauen, und nicht selbst zu regeln.
Aber wer von uns kann das schon?

Es stand noch vieles aus im Leben unseres Toten.
Er wollte und sollte Begleiter sein –
seiner Schwester und den Ihren;
in der Gemeinschaft der Kirche posithiv
und was daran hängt an Miteinander & Füreinander;
für seine Aufgabe als Lehrer zunächst in Hamburg,
in weiterer Zukunft mit einem Arbeitsplatz in Berlin;
einem Mann, der noch nicht gefunden war,
Lebenspartner sein. Lothar hatte noch Träume.
Und manches, was auf der Strecke geblieben war,
hätte er sicher noch in Angriff genommen,
wäre ihm die Lebenszeit dafür geblieben.

Wir können nur beklagen, dass ihm die Zeit nicht blieb,
dass sein Leben nicht mehr ausgereicht hat,
alle Vorhaben und Wünsche anzugehen, zu erfüllen.
Und auch wir bleiben auf diesen Vers verhaftet:

Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen
und verlass dich nicht auf deinen Verstand;
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen.

Dieses Wort bleibt uns fast im Halse stecken.
Wie soll das gehen? Wie kann das gehen?
Wir fühlen uns schwach und unvollkommen.
Beinahe unmöglich scheint uns, so zu denken,
so zu glauben, so zu handeln.
Und doch bleibt dies die Wahrheit für uns
und ganz besonders für Lothar, der gegangen ist.

Sein Statement hat Lothar am Reformationstag
in unserer Kirche in Hamburg-St. Georg gehalten.
Noch nicht einmal drei Jahre ist dies her.

Der katholische Mönch Martin Luther
bringt theologische Erkenntnisse hervor,
die zum Protestantismus führen.
Er kam zu dem Schluss, dass jeder Mensch
die Folgen unwiederbringlich misslungener Verantwortung aus der Hand geben kann,
dass Gott ihm dennoch Zukunft schenken will.
Luther machte dies fest am Kreuzestod Jesu,
an dem Ort, an dem sich Gott gebunden hat.

Solch Gedanke kann mich zornig machen,
wenn er so sicher wissend daher kommt;
er kann mich aber auch neidvoll werden lassen,
wenn ich spüre, welche Überzeugtheit darin steckt;
und wenn es gut geht, werde ich dankbar,
weil dieser Gedanke mir hilft und mich tröstet.
Mit den Worten des Paulus gesprochen (Röm. 3,2):

So halten wir nun dafür, dass der Mensch
gerecht wird ohne des Gesetzes Werke,
allein durch den Glauben.

Das ist es, was uns allen zugesprochen ist,
besonders jetzt aber auch diesem Verstorbenen
Lothar Todt, unserem Bruder und Freund. Amen.