Thomas Brüggemann

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01.05.1957
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11.02.2004

 

Ein Nachruf
von Jörg Bressau
Schwulenberatung Berlin
Lieber Thomas, heute müssen wir von Dir Abschied nehmen. Wir werden Dich vermissen. Dein Tag, Deine Erfahrung, Dein Scharfsinn und Deine Menschenfreundlichkeit werden uns sehr fehlen. Vorstand, Geschäftsführung, Betriebsrat und Mitarbeiter der Schwulenberatung trauern um Dich und beklagen Deinen allzu frühen Tod. Vielen Menschen bist Du ans Herz gewachsen. Und viele haben auch einen Freund verloren - Gekämpft gegen Deine schwere Krankheit hast Du bis zuletzt. Und kämpferisch ist Dein Leben auch von allem Anfang an gewesen. Als ich Thomas kennen lernte - das ist nun weit über 20 Jahre her -, da kämpfte er schon an vorderster Front. Nach Abitur und Zivildienst in München, sowie einem kurzen Abstecher an die Universität Osnabrück kam Thomas Anfang der achtziger Jahre nach Berlin und baute neben seinem Psychologiestudium mit anderen das Schwulenreferat an der Freien Universität auf. Es war ja die Zeit, zu der die Schwulen langsam aus der Sprachlosigkeit auftauchten, in die sie durch Naziverfolgung und Kriminalisierung gestossen worden waren. Das dauerte bis 1968, bis zur Entschärfung des § 175 StGB. Erst dann begann eine Generation von jungen Schwulen sich zu artikulieren und zu emanzipieren, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen und eine Infrastruktur für die eigene Community aufzubauen.Als Thomas dazukam, gab es schon ein paar Gruppen. Aber es waren wenige. Mittel und Möglichkeiten waren bescheiden. An das, was man heute Staatsknete nennt, war noch nicht zu denken. Es gab die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW), die für sich in Anspruch nehmen durfte, die erste Gruppe in Berlin gewesen zu sein. Von seinen ursprünglich einmal hochpolitischen Zielen hatte sich das von ihr getragene Schwulenzentrum (SchwuZ) zu einem gut gehenden Veranstaltungsort für schrilles Off-Theater und angesagte Disconächte entwickelt. Weiter gab es den eher biederen Gegenentwurf, die Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft (AHA), die damals hauptsächlich mit Kaffeeklatsch beschäftigt war. Und es gab unter anderem noch den Club Motorrad-Sport-Contacte (MSC), eine Gruppe von Lederleuten, die möglicherweise auch Motorrad fuhren. Sie alle an einen Tisch zu bringen, hatten sich Thomas und das Schwulenreferat vorgenommen. Gemeinsam würde man nicht nur unausstehlich, sondern auch stärker sein. Was sich einfach anhört, erwies sich als äußerst schwierig. Jeder wollte da mit seinem eigenen Kopf in eine andere Richtung und durch die Wand. Bei den Diskussionen –oft im alten Prinz-Eisenherz-Buchladen in der Bülowstraße-, flogen die Fetzen und keiner schenkte dem anderen etwas.Aber Thomas` Initiative gelang. Aus den so unterschiedlichen Gruppen ging das Treffen Berliner Schwulengruppen (TBS) hervor. Thomas wäre nicht Thomas gewesen, wenn es sich bei diesem von ihm initiierten Treffen nur um etwas gehandelt hätte, was man heute vielleicht neudeutsch „Konsensgespräche“ nennen könnte. Mit Umsicht und Zähigkeit schaffte Thomas es, den von ihm als richtig erkannten Standpunkt durchzusetzen. Und der hieß: jawohl, wir müssen uns zusammentun damit wir als Schwule in der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen werden. Aber nicht um den Preis der Gleichschaltung und Anpassung! Gemeinsam ja, aber in Vielfalt und jeder unter Wahrung der eigenen Identität. Jedem schwule Mann seine eigene schwule Facon. Wer nur bürgerliche Erwartungshaltungen bedient und immer nur den netten Schwulen von nebenan gibt, der der Omi die Tasche in den 4. Stock raufträgt, bringt uns in der Sache nicht weiter. Ja, das war Thomas` Position und darüber ließ er nicht mit sich reden. Natürlich hat er – davon bin ich überzeugt - manch alter Omi in seiner Nachbarschaft die Tasche raufgetragen.Ach, das war eine fruchtbare Zeit. Aus dem Treffen der Berliner Schwulengruppen (TBS) erwuchs dann eine Telefonberatungsstelle. Wir waren überzeugt, das auch Berlin – wie San Francisco und New York – ein Gay Switchboard bräuchte und nannten es etwas altertümlich „Telfonberatungsstelle“. So konnte man das eingeführte Kürzel „TBS“ weiterverwenden und dezent auf seinen Träger hinweisen. Als es darum ging, aus den Plänen Wirklichkeit werden zu lassen und anzupacken, was Thomas zur Stelle. Zusammen mit dem Rechtsreferendar Jörg Stubben, von dem wir uns schon vor vielen Jahren, auch auf dem St.-Matthäus-Kirchhof, verabschieden mussten, hat Thomas die Telefonberatungsstelle aufgebaut. Eine Anlaufstelle für alle Lebenslagen, Erste Hilfe für die Gay Community, ob nun ein schwuler Rechtsanwalt gesucht, dem rausgeschmissenen Lebensabschnittspartner eine Unterkunft oder einem Kranken ein einschlägiger Arzt vermittelt werden musste. Sie zog später an den Nollendorfplatz und änderte ihren Namen in Mann-O-Meter. Die Zahl der Kontaktaufnahmen liegt derzeit bei 36.0000 pro Jahr. Ohne Thomas tatkräftigen Einsatz vor mehr als zwanzig Jahren gäbe es diese erfolgreiche Berliner Institution nicht.Aber ich bin keineswegs am Ende. Denn aus dem Treffen der Berliner Schwulengruppen ging auch die „Siegessäule“ hervor. Der Anspruch war hochgesteckt: man versprach den Lesern, sie nicht nur über alles, was Schwule interessiert, auf dem Laufenden zu halten. Von Leuten aus dieser Stadt für Leute in dieser Stadt wollte man berichten. Berlin nicht nur von hinten, sondern auch von oben betrachten. Und über den Tellerrand hinausschauen – so steht es ausdrücklich im Editorial der ersten Nummer im April 1984. Auch die Siegessäule also ein Projekt, um die Sprachlosigkeit der Schwulen in dieser Stadt zu beenden. Auch hier war Thomas mit vollem Engagement bei der Sache, Redakteur der ersten Stunde, im Impressum nachzulesen. Und so schaute man auch über den Tellerrand, das alte Westberlin also, hinaus. Es gab polnische Kochrezepte, als kaum einer dort hinfahren konnte. Der derzeitige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde bereits 1984 mit enthusiastischen Lob vorgestellt, als noch so gut wie niemand in der Stadt den Namen Simon Rattle je gehört hatte. Und im Moskitonetz, so hieß der Kleinanzeigenteil lange, konnten Kontakte geknüpft werden. Ohne Thomas hätte auch die „Siegessäule“ nicht das Licht der Welt erblickt. Keiner, der dabei war, wird seinen Einsatz und sein Engagement vergessen. So einen Unermüdlichen wie Thomas gab es nicht noch einmal!Dann aber blicktest Du nicht nur über den Tellerrand hinaus, sondern suchtest jenseits des alten Westberlin Dein Glück. England, Dänemark und Holland waren die weiteren Stationen Deines Lebens – eine Zeit über die ich wenig weiß. Dort hat Du Liebe und Zuneigung gefunden und gegeben. Das waren, da bin ich sicher, wichtige und entscheidende Abschnitte Deines Lebens. Ohne sie wärest Du nicht, der Du zuletzt gewesen bist.Zur Jahrtausendwende kamst Du zurück nach Berlin. Einen eindrucksvolleren Lebenslauf als den von Dir im Jahre 2000 verfassten habe ich selten gelesen. Auch dort, in Dänemark und Holland, hast Du mit unvermindertem Elan weiter für die Verbesserung der Lebenssituation der Schwulen gekämpft. Die Liste der Projekte, die Du auch dort angestossen und aufgebaut hast, ist von beeindruckender Länge. Wer Dich aus Deiner ersten Berliner Zeit kannte, den wundert das nicht. Die Probleme im Umgang mit HIV und AIDS wurden mehr und mehr zum beherrschenden Mittelpunkt Deiner Arbeit und Deines Lebens. Du wusstest immer genau, was Du willst: den davon Betroffenen helfen, ihre Situation verbessern und ihnen nach Kräften beistehen.So wurdest Du erneut Mitarbeiter der Schwulenberatung Berlin. Ja, erneut. Denn schon einmal, warst Du es. Als die Schwulenberatung noch in den Kinderschuhen steckte, noch in einem ausrangierten Baucontainer in der Hollmannstraße residierte, noch umständlich „Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer“ hiess, warst Du schon einmal als Praktikant bei uns. Deine Ausbildung hast du neben all Deinen sonstigen Aktivitäten niemals vernachlässigt.Wir freuten uns, dass Du wieder bei uns warst. Eine Probezeit gab es nicht. Wir wussten, was wir voneinander zu halten hatten. Du wurdest bald zum Mittelpunkt eines von Dir mit Engagement aufgebauten grossen Gesprächskreises für schwule Männer über 40 mit HIV und AIDS, der sich grossen Zuspruchs von Betroffenen erfreute.Natürlich schränkte Dich die eigene Krankheit zunehmend auch ein. Aber damit wolltest Du Dich nicht abfinden. Du selbst trautest Dir zuletzt auch noch die Ausbildung als Psychologischer Psychotherapeut zu. Du warst zutiefst verstört, als Dir Bürokraten mit fadenscheinigen Argumenten Steine in den Weg legten. Aber auch mit ihnen hast Du noch einmal den Kampf aufgenommen. Später setzten Dir Deine Krankheit und Deine Ärzte noch engere Grenzen. Aber auch während Deiner langen Krankschreibung habe ich Dich oft in der Schwulenberatung getroffen. Und immer ging das Gespräch darum, ob und wann Du denn und in welchem Umfang Du wieder arbeiten könntest, am besten gleich jetzt. Du hast ohne dieses Engagement für Andere nicht sein können. Jetzt müssen wir ohne Dich weitermachen. Das fällt uns schwer. Vergessen können wir Dich, unseren Mitarbeiter und Kollegen, unseren Mitstreiter und Freund so bald nicht. Ich denke gern an viele intensive Gespräche mit Dir. Nun, da Du fehlst, wird auch mein Leben ärmer.Dein allzu früher Tod ist aber auch eine Mahnung an die Lebenden, dass unsere Zeit nicht unendlich ist. Dein Leben, lieber Thomas, ist ein rundes, ein erfülltes und, ach ja, viel zu kurzes Leben gewesen. Dein Tod mahnt uns, dass wir die uns noch verbleibende Zeit nicht mit Sinnlosem ausfüllen. Du hast es nicht getan, sondern was aus Deinem Leben gemacht.