Tom Haller

tom-haller

*
02.07.1957
+
30.07.2010

 

De mortius nisi nihil bene –
über die Toten spricht man
nur gut.

Liebe Freunde, liebe Trauernde,
Immer wieder stoßen wir an Grenzen.
Plötzlich werden wir herausgerissen aus den Routinen unseres Lebens und verharren – mit angehaltenem Atem!

Heute gedenken wir hier
TOM HALLER,
mit 53 Jahre an schweren Krankheiten verstorben am 30. Juli 2010.

Mein Name ist Norbert, ich kannte Tom über 20 Jahre und wurde gebeten diese Trauerrede zu halten. Ich hoffe ich kann dem gerecht werden.
Denn immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen:
Im Verständnis für andere Sichtweisen und Lebensziele.
Wir beklagen eine kalte Welt, Isolation, Druck.
Wir sagen dann: die Gesellschaft verroht, macht uns blind und taub.
Wir, jeder von uns ist diese Gesellschaft – wie wir wirken im Kleinen, nur so gut ist unsere Gesellschaft.
An dieser Stelle Allen ein herzliches Danke für all die Nähe und Freundschaft zu Tom.
Ich weiß genau, dass er Euch alle so geschätzt hat, obwohl oder weil Ihr genau so seid und dass er Euch das auch wissen lassen möchte.
Und trotzdem: Wir alle hatten unsere Probleme mit Tom, ob nah oder fern. Und das war unser Schmerz: trotz sehenden Auges nicht verstehen zu können, trotz Tatendrang nicht helfen zu können.
Verständnis zu finden heutzutage ist schwer!
So liebenswert, so getrieben, so witzig, so dominant, so versöhnlich, so polarisierend – all das und viel mehr war Tom.
Viele sagen, er sei schwierig gewesen – aber genau betrachtet war er nur ein Gegner der Mittelmäßigkeit und Dummheit. Und ganz sicher hat er bei diesem Anspruch - auch an sich selbst - chaotische Züge angenommen. Was haben wir alle den Kopf geschüttelt und wussten nicht ob wir weinen oder lachen sollten.
Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen:
Viele Fragen, viele Antworten – keiner hat Toms ganze Geschichte, jeder nur Bruchstücke.
Wer freut sich über mich? Wer denkt an mich?
Wahrscheinlich haben Tom die Antworten nicht immer ausgereicht, haben ihn gar wütend gemacht.
Aber vielleicht haben wir nicht genug Fragen gestellt, auf die Tom so viele Antworten wusste.
Dieser Mann hatte Herz und Verstand. Aber dieses Herz war nicht eingehüllt in eine dicke, stoßsichere Verpackung - und das hat ihn so verletzlich gemacht. Tom trug sein Herz auf der Zunge und seine empfindsame Seele nach Außen.
Denn neben seiner Größe hatte Tom auch seine dunkle Seite – seine Blockaden und Schatten.
In diesem Spannungsfeld bewegte sich Tom oft am Rande des Abgrunds – was er tat, tat er konsequent und exzessiv, geschont hat er sich dabei nicht, bis zum Ende voll mit Ideen und Projekten.
Ich glaube, jeder von uns hat Tom für etwas bewundert – und ich weiß genau, dass umgekehrt, Tom jeden einzelne von uns für etwas bewundert, geliebt, ja sogar beneidet hat. Sucht das in Euch, bewahrt dies.
Immer wieder stoßen wir an unsere Grenzen:
In der Liebe!
In unserer Suche nach Zuneigung, Anerkennung und Liebe.
Tom wurde geliebt, jetzt noch mehr als je zuvor – erst hinterher wissen wir alles besser, sehen wir alles klarer – das ist der Lauf der Dinge und unsere menschliche Natur.
Tom hatte eine Gabe Freundschaft zu geben:
Freude, Witz, Unternehmungen, Rat und Tat.
Ich glaube, Tom hat so intensiv geliebt – sein Leben, die Menschen, uns Alle, dass er sogar sein Leben uns als Beweis schenkte, viele von uns - dem Tode nah – auch noch zusammenholte und schweigend sich versöhnte.
Bei Tom verband sich Not und Schmerz mit einem fordernden Blick und scharfen Worten,
verband sich Untergang mit Liebe und Realismus.
Er hat sich aufgemacht, ganz und gar.
Tom hat uns nicht verlassen, er ist nur ein Stück voraus gegangen.
So intensiv gelebt und geliebt.
Verstehen wir seine Liebe?
Wer erklärt Liebe?
Erklär mir Liebe (Ingeborg Bachmann)

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat's Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen -

Erklär mir, Liebe!

Der Pfau, in feierlichem Staunen, schlägt sein Rad,
die Taube stellt den Federkragen hoch,
vom Gurren überfüllt, dehnt sich die Luft,
der Enterich schreit, von wilden Honig nimmt
das ganze Land, auch im gesetzten Park
hat jedes Beet ein goldener Staub umsäumt.

Der Fisch errötet, überholt den Schwarm
und stürzt durch Grotten ins Korallenbett.
Zur Silbersandmusik tanzt scheu der Skorpion.
Der Käfer riecht die Herrlichste von weit;
hätt ich nur seinen Sinn, ich fühlte auch,
dass Flügel unter Ihrem Panzer schimmern,
und nähm den Weg zum fernen Erdbeerstrauch!

Erklär mir, Liebe!

Wasser weiß zu reden,
die Welle nimmt die Welle an der Hand,
im Weinberg schwillt die Traube, springt und fällt.
So arglos tritt die Schnecke aus dem Haus!
Ein Stein weiß einen andern zu erweichen!

Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:
sollt ich die kurze schauerliche Zeit
nur mit Gedanken Umgang haben und allein
nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?
Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?

Du sagst: Es zählt ein andrer Geist auf ihn . . .
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts.

Tom hat seine Grenze gefunden,
mehr wollte er nicht erleben, mehr konnte er nicht tragen.

Wir müssen weiterleben – jeder von uns etwas bewusster mit Güte, Nachsicht und Liebe – und mit dem Anspruch an uns selbst, den Tom immer eingefordert hat.

So geeint hätten wir Tom bestimmt gefallen!

GEBET (aus „Tanz der Vampire", 1. Akt)

Wenn Musik das Herz verwirrt
Und die Sehnsucht tanzen geht,
Wenn die Seele sich verirrt,
Dann hilft nur noch ein Gebet.

Gott bewahre uns vor dem Grau'n,
Das mit Schrecken uns erfüllt,
Lass uns nicht in Tiefen schau'n,
Deren Abgrund uns berührt.

Gott befrei' uns von dem Drang
Das Verbotene zu tun,
Lass den Hang zum Untergang
tief auf dem Grund der Seele ruh'n.

Gott vergib uns unsere Gier
Nach dem Bösen und der Nacht,
Lass uns nicht den Kopf verlier'n,
Wenn das Tier in uns erwacht.

Tom war nie ein Lügner, er wollte beeinflussen. Tom war kein Schönredner, er war Freund. Tom hat sich im Leben nicht geschont, er hat voll ausgekostet und sein Ende einkalkuliert.
So streitbar Tom im Leben war, so dramatisch die letzten Tage – so friedvoll war er aber im Tode. Ich war überwältigt und gerührt von seinem friedlichen Antlitz auf dem Sterbebett.
Er fehlt uns schon jetzt, Gott ich vermisse ihn schon jetzt so sehr.
Lebe wohl, mein lieber Tom, und ich sage bewusst „lebe", denn du wirst in uns weiterleben.
Adieu, Tom, du hast unser Herz geöffnet und unseren Verstand geschärft.

Adieu, du Herzensschöner.